Interviews:
Das Gemälde "Die Rosa Brille" (2)
Das Bild
Das Bild zeigt zwei Figuren: auf der rechten Bildseite eine Frau, die sich aus dem Bild nach rechts hinauszubewegen scheint sowie zu ihrer Linken, leicht nach hinten versetzt, einen Mann, der sich soeben mit spitzen Fingern eine runde Brille mit rosafarbenen Brillengläsern aufsetzt und dabei zugleich eine Schrittbewegung nach links ausführt. Der Mann, dessen kurzgeschorenes Haar eine blonde Haarfarbe erkennen lässt, trägt einen gelblichen Anzug und ein kragenloses Hemd, die Frau einen roten Rock, der im Einklang mit ihrer Haarfarbe steht, sowie eine blaue Bluse, das den rechten Unterarm unbedeckt lässt. Der Mann wird vom unteren Bildrand, die Frau vom oberen, unteren und seitlichen Bildrand beschnitten.
Mit ihren herabhängenden Mundwinkeln, den leeren Augen und der maskenhaften Starre der Gesichter strahlen die Figuren eine frustrierte Unzufriedenheit aus. Unterstrichen wird diese Stimmung noch durch den dunklen Hintergrund und den schmalen Streifen nächtlich dunkelblauen Himmels.
Neben den Leitgedanken "Glück" bzw. "Unglück" spiegeln sich in dem Bild auch die Themen "Liebe" und "menschliche Beziehungen" sowie die Kritik an Oberflächlichkeit und Konsumdenken wieder.
Die beiden dargestellten Figuren zeigen sich als deprimierte Menschen in einer eintönigen Welt. Unabhängig von der Ausstrahlung jeder einzelnen Figur und der öden Umwelt, lässt sich auch eine Aussage zu der Beziehung der beiden Menschen zueinander treffen. Möglicherweise handelt es sich um ein Paar. Die sich von einander abwendenden Figuren berühren sich jedoch nicht und blicken sogar in verschiedene Richtungen, wodurch das Fehlen von Liebe, Zuneigung und Vertrauen deutlich wird. Dieser Symbolik bin ich in zwei Doppelbildnissen Max Beckmanns (1884-1950) begegnet, in der er sich jeweils mit seiner Frau darstellt. In einer Zeit persönlicher Krise der beiden, 1925, gehen ihre Blicke in verschiedene Richtungen, während sie auf einem andern Doppelbildnis von 1941, in glücklicheren Tagen, in die selbe Richtung weisen. Dieses Symbol habe ich hier bewusst aufgegriffen, um darzustellen, dass Liebe als Quelle von Glück vorliegend nicht besteht und so die rosa Brille auch in der zwischenmenschlichen Beziehung als Rettungsring dienen soll.
Um den unglücklichen Zustand der Leere zu ändern und das dringend erwünschte Glück als das höchste aller Güter zu erreichen, scheint nun also die rosa Brille ein (letzter?) verzweifelter Ausweg zu sein. Wer die Welt durch die "rosa Brille" sehen kann, kann sich glücklich schätzen, da er selbst die unschönen Seiten des Lebens durch den Filter der gefärbten Gläser (verzerrt) positiv wahrnimmt. Die "rosa Brille", dieser Ausdruck, der die innere Seelenwelt glücklicher Menschen durch einen Vergleich mit der realen Welt metaphorisch veranschaulicht, wird in dem Bild ad absurdum geführt: Die Menschen sehen die Welt nicht rosa, weil sie glücklich sind, sondern sie wollen glücklich sein, indem sie sich die rosa Brille aufsetzen.
Die entleerten Menschen wollen ihre Gefühlswelt durch Verwendung äußerer Mittel, hier der rosa Brille, nicht nur positiv beeinflussen, sondern auf schnellem und leichtem Weg nach dem höchsten, dem Glücksgefühl, ausrichten. Wie man den Figuren, insbesondere auch dem Mann, der sich gerade die Brille auf die Nase setzt bzw. noch vor die Augen hält, jedoch ansieht, muss dieser Versuch fehlschlagen. Auch der Blick durch die rosa Brille kann ihn nicht fröhlicher oder gar glücklich stimmen. Hier zeigt sich die Kritik an der Oberflächlichkeit auch der heutigen Gesellschaft: Im Vertrauen auf die "Wundermittel" (der Technik und des Konsums) versuchen die Menschen, sich durch äußere Ablenkungen über seelische Tiefpunkte hinwegzuretten, ohne dabei den Versuch zu unternehmen, die eigenen Empfindungen zu hinterfragen und so zu einer seelischen oder zwischenmenschlichen Lösung und damit letztlich zu innerer Erneuerung zu gelangen.
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